Gebt Phil Ivey die Kohle – Maltesische Anwälte, Wixer und Warmduscher – Verlieren mit Style

Früher haben die Casinos noch Gangstern gehört. Da war zwar nicht alles besser, aber doch deutlich einfacher. Was da in Sachen Phil Ivey passiert ist – schäbig, peinlich und schlecht fürs Geschäft. Die Anzugstypen sollen auf der Börse bleiben, oder überhaupt man sperrt sie alle miteinander auf eine Insel und da können sie dann in Ruhe Emerging Market spielen. Wer nicht die Eier hat bei Niederlagen die Kohle des Hauses auf den Tisch zu legen ist fehl am Platz. Und bitte das lächerliche Argument vom „Betrug“ stecken lassen. Wenn es so war, dass die Karten fabrikmäßig unsachgemäß produziert wurden und Phil Ivey damit einen Vorteil erlangen konnte, gibt es maximal eine Runde Mitleid, aber bitte erst nachdem das Geld bezahlt wurde.

Es gibt die neue Weinerlichkeit. Wachstum und Profite werden als Verdienste des Managements gefeiert und wenn wo die Bombe einschlägt ruft man nach dem Staatsanwalt. Dabei sind Gäste, die einen Plan haben in der Regel die besten Kunden, weil eben diese Pläne selten funktionieren. Meinen inzwischen verjährten Konflikt mit XXXXXwetten hatte ich ja bereits einmal in einer Kolumne thematisiert. In der minimalen Kurzfassung: Ein Dutzend Mal hatte ich einen „100% sicheren Tipp“ erhalten. „Schwöre bei den Augen von meiner Mutti. Da kann überhaupt  nichts passieren.“ Irgendwo zwischen Spieltisch und Casinotoilette bekam ich die „wertvolle Info“ ins Ohr geraunt und nicht selten in der Kombination mit der Bitte um ein Kleindarlehen. Elf Mal habe ich dann brav die Kombination ins Netz getippt. Meist drei Duelle in der Kombiwette auf mir völlig unbekannte Tennisspieler und elf Mal war das Geld weg. Beim 12. Mal war ich dann trotz meiner grundsätzlichen Lernresistenz ein wenig pessimistisch und hatte den Einsatz auf €100 gedrosselt. Alle drei Matches halten in der Kombination und beinahe wäre ich bei meinem Ausflug in die mir unbegreifliche Tenniswelt somit pari ausgestiegen. Leider eben nur beinahe. Sofort wurde mein Konto gesperrt, mein bescheidenes Guthaben – abseits der vermeintlich gewonnen Tenniswette – eingefroren. Das Kundenservice erklärte sich für unzuständig, dafür bekam ich einen Anruf von einem deutsch sprechenden Wixer von Rechtsanwalt aus Malta. In knappen Worten wurde mir erklärt, dass mein gesamtes Konto gesperrt bleibt, dass mein Guthaben eingefroren wird bis zur nächsten Eiszeit. Gleichzeitig wurde ich gewarnt davor, in irgendeiner Weise Einspruch dagegen zu erheben, oder mir gar einen Anwalt zu nehmen. Sinngemäß waren die Worte des Rechtsanwalts in etwa: „Herr Schrage, Sie können gerne anfangen mit uns zu streiten. Wir betrachten das bloße Einfrieren Ihre Kontos als Entgegenkommen, wenn Sie möchten, kann ich Ihren Namen in unseren Bericht schreiben, den ich gerade für Interpol zusammenstelle.“Gelernt habe ich daraus, wenn man scheinbar wirre unbedeutende Tennismatches auf Kombi-Scheine packt, ist das Geld eben weg. Wenn man gewinnt, wird man vom Anwalt bedroht. Ekelhafte Welt.

Ob Phil Ivey irgendwas gewusst hat, ob er auf den Karten irgendwas gesehen hat, spielt doch nicht die geringste Rolle, solange er nicht aktiv betrogen hat. Phil Ivey hat immer schon so hoch gespielt, auch in dem besagten Crockfords Casino, mit dem er jetzt in Clinch liegt. Es ist ja nicht so, dass da irgendein kleiner Betrüger sein Haus verpfändet hat, um einmal richtig Kasse zu machen. Phil Ivey gehört zu den größten Zockern der Welt und ganze Casinos wurden schon mit der Kohle generalrenoviert, die er davor liegen gelassen hatte. Alles was die Casinos tun müssen, ist dafür zu sorgen, dass er den Spaß nicht verliert und das Geld kommt fix retour und mit Zinsen auch noch. Schließlich finden sich immer genug verrückte Pokerspieler die sich an den nosebleed tables gleich einen ganzen blutigen Kopf  abholen. Casinos, die so dumm waren, sich betrügen zu lassen, müssen sich entweder schämen und zahlen, oder diskret aktiv werden. Man kann Ivey mögen oder nicht, aber in der Causa sind wir doch wohl alle auf seiner Seite. Sollte sich in weiterer Folge gar herausstellen, dass nicht bezahlt wird, weil das Geld nicht da ist, wäre das überhaupt eine Katastrophe für die ganze Branche. Bei windigen Netzwerken im Online-Pokerbereich sind Liquiditätsschwierigkeiten mittlerweile trauriger Standard, aber diese Mode schwappt doch hoffentlich nicht auf die altehrwürdigen realen Casinos über. 

Apropos altehrwürdig, da fällt mir eine gute Story zu den ehrwürdigen Casinos Austria ein. Ein guter Bekannter von mir hatte das Kunststück zuwege gebracht einen Scheck über einen hohen Roulettegewinn gleich zweimal einzulösen. Einmal noch schnell am Freitagnachmittag kurz vor Bankschluss und dann gewissermaßen nochmals am Sonntagabend im Casino mit der grob unwahren Angabe, jener Scheck würde noch unschuldig daheim am Schreibtisch liegen. Elektronische Banksysteme und Internet waren noch nicht wirklich erfunden und so gab man meinem Freund ein enormes Akonto auf einen Scheck, der schon längst eingelöst war. Schadensumme immerhin umgerechnet €70 000. Die Konsequenz war eine Sperre und mehr nicht. Casinogäste werden nicht geklagt. Aus Prinzip nicht und das hat Klasse und ist auch gut so. Das Problem war nur, dass mein Freund quasi im Casino gewohnt hat und Kurztrips nach Bratislava und Brünn kein adäquater Ersatz waren. Also sprach er frech bei der Zentrale des Casinos Austria vor und bekam prompt einen Termin. Es wurde ein Deal gemacht, bei jedem Besuch müsste er eine Rate von umgerechnet €350 gewissermaßen als Eintritt bezahlen. Mein Freund willigte ein und ich durfte beim ersten Besuch dabei sein. Der „Eintritt“ wurde beim ersten Mal bezahlt, auch beim zweiten Mal und mindestens noch drei weitere Male. Beim sechsten Besuch war ich wieder dabei: „Ich zahle dann beim rausgehen“. – „Moment, da muss ich nachfragen“ und nach einem kurzen Moment: „Geht in Ordnung“.  Ab jetzt war der Zahlungsfluss euphemistisch beschrieben „schleppend“ um nach kurzer Zeit komplett zu versiegen. In meinen Augen die perfekte Lösung. Verlieren mit Style und gerade dadurch wurde das Casino in gewisser Weise zum Gewinner und hat in mir – spätestens seit dieser Zeit – einen treuen Fan. 

Phil Ivey-Fan hingegen werde ich wohl niemals wirklich werden. Wir zwei ticken einfach zu verschieden und bei unserem Treffen seinerzeit dürfte ich ihn auch ein wenig verwirrt haben. Aber Phil Ivey ist zu respektieren und die Warmduscher, die ihm das Geld schulden sollen zahlen und in der Zukunft nur noch Damenbingo veranstalten. Keine Klasse haben, eine klamme Kasse haben und ohne entsprechende Talente, die Sache außergerichtlich zu regeln, ist einfach schwach. – In dem Sinne: Go Phil Go und hole dir die Kohle.

Götz Schrage 

PS: Der zweite Teil der Story über gezinkte Karten, Kontaktlinsen-Probleme und liebenswerte Vernehmungen von Beschuldigten erscheint am Dienstag den 21.Mai. 

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