
Poker-Ambassadoren waren einmal ein Ziel. Wer einen Sponsorenpatch trug, hatte sich diesen Platz erspielt – durch Leistung, Präsenz und eine gewisse Vorbildfunktion. Heute wirkt dieses Konzept erstaunlich ausgehöhlt. Ambassadoren sind nach wie vor sichtbar, aber ihre Rolle hat sich grundlegend verändert. Die Frage ist nicht mehr, wer es verdient, sondern wer gerade nützlich ist.
Als Ambassadoren noch Orientierung boten
In der Anfangszeit erfüllten Poker-Ambassadoren eine klare Funktion. Sie waren Identifikationsfiguren für ambitionierte Spieler: technisch stark, erfolgreich, respektiert. Wer auf sie schaute, sah ein realistisches Ziel – sportlich wie beruflich. Ein Ambassador verkörperte das Ideal des professionellen Pokerspielers.
Dabei ging es nicht nur um Resultate, sondern auch um Auftreten. Wer für eine Marke stand, repräsentierte das Spiel nach außen. Der Patch war ein Zeichen von Anerkennung – und von Vertrauen.
Dieses Verhältnis hat sich schleichend, aber deutlich verschoben.
Reichweite als neue Währung
Mit dem Aufstieg von Social Media, Livestreams und permanentem Content-Druck änderten sich die Auswahlkriterien. Sichtbarkeit wurde messbar, Reichweite kalkulierbar. Damit wurde Aufmerksamkeit zur zentralen Währung – oft unabhängig von sportlicher Leistung oder persönlicher Integrität.
Ambassadoren mussten nicht mehr zwingend die Besten sein. Es reichte zunehmend, die Lautesten zu sein. Wer polarisiert, wird geteilt. Wer geteilt wird, bringt Reichweite. Und wer Reichweite bringt, wird interessant für Sponsoren.
Dass Spieler wie Will Kassouf trotz – oder gerade wegen – ihres Auftretens mit Sponsor-Patches ausgestattet wurden, war ein Wendepunkt. Es zeigte, dass Provokation kein Hindernis mehr ist, sondern Teil des Geschäftsmodells sein kann.

Wenn Kontroversen Deals nicht verhindern
In jüngster Zeit ist diese Entwicklung offen sichtbar geworden. Der Fall Ren Lin steht exemplarisch dafür. Nach Vorwürfen rund um Ghosting und Real-Time Assistance trennte sich GGPoker von dem chinesischen Highroller. Ein Schritt, der als klare Haltung verstanden werden konnte.
Umso größer war das Erstaunen, als WPT Global Lin kurz darauf als neuen Ambassador präsentierte – obwohl die Diskussion noch lief und die Vorwürfe öffentlich waren. Die Reaktion folgte prompt: Mit Dara O’Kearney und David Lappin verließen zwei bekannte Stimmen das Ambassador-Team. Sie begründeten ihren Schritt offen und unmissverständlich. Für sie war klar, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden sollten.
Ähnliche Dynamiken gab es zuvor bei Nacho Barbero. Auch hier: Kritik wegen der Nutzung unerlaubter Hilfsmittel, Trennung vom bisherigen Sponsor ACR – und später dennoch ein neues Engagement, ebenso bei WPT Global. Der Eindruck verfestigt sich, dass problematische Vergangenheit kein Ausschlusskriterium mehr ist, solange die Aufmerksamkeit stimmt.
Austauschbarkeit statt Bindung
Parallel dazu verliert der Begriff „Ambassador“ weiter an Substanz durch die hohe Wechselbereitschaft vieler Spieler. Große Namen wechseln Plattformen in kurzen Abständen. Jason Koon (partypoker, PokerStars und GGPoker), Daniel Negreanu (PokerStars und GGPoker) – sportlich unbestrittene Größen – stehen exemplarisch für diese Entwicklung.
Natürlich sind das wirtschaftliche Entscheidungen. Niemand kann Spielern vorwerfen, lukrative Angebote anzunehmen. Doch aus Sicht des Konzepts entsteht ein Problem: Ein Ambassador, der regelmäßig die Marke wechselt, kann kaum glaubwürdig für Werte oder Identität stehen. Er ist sichtbar, aber austauschbar.
Was früher Bindung bedeutete, ist heute oft nur noch eine befristete Partnerschaft.
Was soll ein Poker-Ambassador heute leisten?
Damit stellt sich zwangsläufig die Grundfrage: Wozu gibt es Poker-Ambassadoren überhaupt noch?
Geht es um Vorbilder? Um Vertrauen? Um die Repräsentation des Spiels? Oder schlicht um Reichweite, Klicks und Schlagzeilen?
Solange Aufmerksamkeit höher bewertet wird als Haltung, bleibt diese Frage unbeantwortet. Das System belohnt Sichtbarkeit – nicht Integrität. Wer auffällt, bleibt im Gespräch. Wer leise überzeugt, verschwindet schnell aus dem Fokus.
Vielleicht ist es an der Zeit, das Konzept grundsätzlich zu hinterfragen. Nicht jeder bekannte Spieler muss ein Ambassador sein. Und nicht jede Reichweite ist ein Gewinn. Poker braucht weniger PR-Gesichter – und mehr glaubwürdige Repräsentanten.
Ob die Branche diesen Schritt geht, bleibt offen. Klar ist nur: So wie das System derzeit funktioniert, erfüllt es seinen ursprünglichen Zweck kaum noch.







