Jens Knossalla – Schwule Pärchen – 17 Meter und die Weltrevolution

Eine revolutionäre Dialektik der richtigen Übergänge muss den langen Marsch durch die Institutionen als eine praktisch-kritische Tätigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen begreifen.“
Rudi Dutschke

Was ist dir denn da eingefallen? Zwingt dich dein Boss Kang zu so was? Sonst lese ich deine Kolumne wirklich gerne, aber was du da mit diesem furchtbaren PokerAss-Typen hast verstehe ich absolut nicht und ich tue mir schwer, dich weiterhin ernst zu nehmen.“ – Als Autor gehört man hinter den Schreibtisch und nicht hinaus ins grobe Casinoleben. In freier Wildbahn trifft man seine Leser und das ist für mich als bekennender Langsamdenker nicht immer einfach. An Lob kann man sich ja spontan gewöhnen, aber böse Worte nach Mitternacht nagen dann doch am Selbstbewusstsein. „Hör mal zu mein Freund“ antwortete ich dann nach einigem Zögern: „Der Jens Knossalla ist wichtig wie die Weltrevolution – nur deutlich erfolgreicher. Sein einziger Makel ist seine Frisur und die hat der Marvin Rettenmaier auch. Es wird sich alles liberalisieren so wie bei den schwulen Pärchen in meinem Bezirk und das ist doch ganz großartig. So wichtig ist das private Fernsehen pädagogisch gesehen und Jens Knossalla ist ein typisches Medienprodukt. Verstehst du?“ – „Ja“ sagte mein frecher Leser und schien ein wenig verwirrt. Entweder kennt er Marvin Rettenmaier nicht, oder er hält mich für einen Spinner. – Wahrscheinlich trifft beides zu.

Wenn Rudi Dutschke recht hatte, wäre das ziemlich schwer geworden mit der Weltrevolution. Ein langer Marsch und gleich noch durch alle gesellschaftlichen Bereiche! Da kann einem schon mal die Luft ausgehen und die Argumente sowieso. Poker in Deutschland hat es auch nicht leicht, aber irgendwie dann doch deutlich leichter. Die mit den bösen Vorurteilen akzeptieren unter Umständen eine kleine unartige Sportart wie unser geliebtes Kartenspiel. Sobald die üblen ersten Berührungsängste gefallen sind, kann das manchmal recht schnell gehen. Vor allen Dingen wir Spieler haben unsern gesalbten Erlöser gefunden. Keiner muss nach Bethlehem reisen und die Dornbüsche dürfen blühen und müssen nicht mehr brennen. Pro7 überträgt live und in Farbe. Jens Knossalla wird das zu Ende bringen, was Boris Becker begonnen hat und irgendwann werden wir uns bedanken müssen und das selbstverständlich bei beiden!

Ich sah den Erlöser schnaufen. Den ganzen Samstagabend habe ich meine Zeit mit der dümmsten Fernsehshow des deutschen Privatfernsehens vergeudet und doch keine Sekunde bereut. Jens Knossalla, eben noch Sieger bei „PokerStars.de sucht das PokerAss“, und jetzt kurz auf der Showbühne bei „17 Meter – Die neue Spielshow mit Joko und Klaas“. Pro7 macht dort weiter, wo sogar RTL den Mut verliert und Jens Knossalla ist dabei. Diesmal geht es um 25 000.- Euro und die hat jetzt wer anderer. Schwingen in Autoreifen über die 17-Meter Distanz ging gerade noch mal gut , aber beim 17-Meter-Tischtennisball-in-ein-Glas-föhnen war dann Schluss. Nur das alles spielt keine Rolle. Jens Knossalla wird weitere Auftritte bekommen und er wird somit zum wichtigen Pokerlobbyisten der seichten Muse. – Politiker sind Opportunisten und Vox Populi ist zwar kein kein neuer Sender (bevor sich Jens da bewirbt) aber trotzdem von immenser Wichtigkeit. Von Kanzeln und Lehrstühlen lässt sich trefflich predigen, was das Volk will entscheidet sich aber doch eher am Samstagabend auf Pro7. – Wer so schön schwitzt, stürzt und strahlt wie Jens Knossalla kann nicht böse sein und Poker ergo auch nicht. Botschafter werden nicht vom Volk gewählt. Wer da in Addis Abeba, Eriwan und Pjöngjang sitzt bestimmen weder Sie noch ich. Das regelt das Außenamt oder wer auch immer. – Bei Jens Knossalla ist es da deutlich transparenter. Den haben Thomas Lamatsch, Sandra Naujoks und Sophie Thomalla zum inoffiziellen Pokerbotschafter gewählt und – im Nachhinein betrachtet – eine gute Wahl. Die wunderbare Natalie Hof als Zweitplatzierte verstärkt Pokertoday und Jens wird noch jahrelang durch die Talkshows und Realty Soaps geistert, bis es auch der Dümmste verstanden hat. Poker ist so harmlos wie die Menschen, die es repräsentieren. Und wer Poker verbieten möchte, müsste gleich Pro7 verbieten und Jens Knossalla als mediales Gesamtkunstwerk sowieso. Nicht auszudenken, weil dann stünde die Welt wirklich nicht mehr lange.

Wenn ich nach getaner Arbeit in die Nacht eintauche sieht man sie auf den breiten Gehsteigen der Einkaufsstraßen flanieren. Männer Hand in Hand und Frauen Arm in Arm und dann bin ich ein stolz in dieser Stadt zu leben und in dieser Zeit sowieso. Wie ich jung war herrschte da der dumpfe Geist der Intoleranz. Es gab scheinbar unverrückbare Vorurteile und nichts konnte irgendetwas bewegen. Schwul sein war wie ein Schicksal und die Gesellschaft meinte es nicht gut mit denen, die so waren wie sie eben mal waren. Ein kleine intellektuelle Spitze predigte zwar die theoretische Toleranz, aber ohne großes Feuer und ohne großen Erfolg. Irgendwann kam dann das deutsche Privatfernsehen, immer auf der Suche nach spannenden Themen und frei von irgendwelchen Ambitionen die Welt zu verbessern und es ist trotzdem passiert. Eingeladen als Quotenbringer in Talkshows mit schmissigen Themen: „Im Haushalt hat mein Mann nicht zu sagen“, oder „Mein Partner geht fremd und mir ist es egal“ und nicht einmal der dumpfe Mob mit Tagesfreizeit konnte sich der selbstverständlichen Erkenntnis entziehen, dass Schwule keinesfalls pervers oder gar gefährlich waren, sondern meist ein wenig schräg und definitiv auf liebenswerte Weise ein wenig anders. – Poker ist zwar deutlich weniger wichtig, aber es ist trotzdem auf dem Weg durch die Instanzen des Privatfernsehens und das ist gut so. Möglich macht das die umsichtige Marketingpolitik von Pokerstars.de und das schreibe ich, weil ich es aufrichtig so meine und nicht, weil da mitunter bunte Banner an der Seite meiner Texte funkeln. Irgendwann werden die deutschen Politiker aufhören Sondereinsatzkommandos in kleine Pokerclubs zu schicken und irgendwann wird Poker als Teil des Unterhaltungsbetriebes akzeptiert werden. Ein klein wenig hilft uns da auch ein Jens Knossalla weiter. Das mag nicht jedem gefallen und so mancher Leser wird mich wohl weiterhin für einen Spinner halten. Mir ist das egal. – Selbstverständlich völlig egal.

G.Schrage

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