Eine Hand – zwei Meinungen! – Bodo Sbrzesny vs. Ismael Bojang – Quads Fold!

„Poker nach Lehrbuch“ ist ein geflügeltes Wort. Wieso spielen Profis Hände dennoch so unterschiedlich? Um Einblick in die Denkweise des Profis zu bekommen, haben wir zwei Pros mit der gleichen Konstellation konfrontiert. Dass die verschiedenen Poker-Spieler die Hände zum Teil sehr unterschiedlich spielen, beweisen wir wieder einmal in unserer Rubrik „Eine Hand – zwei Meinungen“. Wir befragten mit Bodo Sbrzesny und Ismael Bojang zwei bekannte Poker-Profis der Poker-Szene.

Handanalyse der Pros                                                        

Eine Hand – zwei Meinungen

Handbeschreibung

Diese spektakuläre Hand ereignete sich bem „The Big One for One Drop“ im Rahmen der diesjährigen WSOP. Das Buy-In betrug unglaubliche $1.000.000 und neun Plätze wurden bezahlt. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch 47 von 48 Spielern im Turnier.

Mikhail Smirnov (RUS)
Mikhail Smirnov (RUS)

Mikhail Smirnov (RUS) Stack ca. 4.600.000 Hand 8h 8d (Small Blind)

 

 

 

 

 

 

John Morgan (USA)
John Morgan (USA)

John Morgan (USA) Stack ca. 3.600.000 Hand ? (Big Blind)

 

 

 

 

 

 

Die Hand wurde von Tom Dwan mit einem Button Raise auf 32.000 eröffnet. Mikhail und John callten aus den Blinds.

Flop: Js 8c 7s

Mikhail spielte direkt 50.000 an und John callte. Tom gab daraufhin seine Hand auf.

Turn: 8s

Mikhail spielte 200.000, die wiederum von John bezahlt wurden.

River: Ks

Mikhail setzte 700.000, woraufhin John für ca. 3.400.000 All-In ging.

Nach langem Überlegen foldete Mikhail offen seine Karten. John zeigte seine Karten nicht!
Meinung Ismael Bojang (GER)

Ismael Bojang (GER)
Ismael Bojang (GER)

Nachdem zum Button gefoldet wird, beginnt die Action erwartungsgemäß mit einem Raise von Tom Dwan. Mit Antes, effektiven Stacksizes von mehr als 200 Big Blinds und vermeintlich schwächeren Spielern in den Blinds wird er hier maximal 10% seiner Starthände folden.

Gegen eine so weite Handrange kann man aus dem Small Blind mit 88, allein aus dem Grund der Preflopedge, eine große 3-Bet auf ca. 110.000 machen. Wenn man Dwans Spielstil kennt, dann lässt sich erahnen, dass er so deep kaum eine Hand folden wird. Man isoliert sich also längst nicht nur gegen stärkere Hände. Doch Smirnov entscheidet sich zu einem Call, der häufig den Big Blind in den Pot einladen wird. Auch wenn der Value von 88 gegen zwei Gegner in der schlechtmöglichsten Position (absolut zum Button und relativ zum Preflopraiser) deutlich sinkt, birgt es auch Vorteile. So muss man nicht Heads-Up ohne Position gegen einen Gegner spielen, der zu allem fähig ist und man hat eine bessere Chance Chips vom Hobbyspieler im Big Blind zu gewinnen. Außerdem besteht bei einem Reraise die Gefahr, dass Dwan uns mit einer 4-Bet bereits vor dem Flop dazu bringt unsere Hand aufzugeben.

John hat nun mit etlichen Händen eine leichte Entscheidung und wird das kleine Raise wohl fast immer nachbezahlen. Auch wenn sich dieser Spot perfekt für dünne Value 3-Bets sowie Bluff 3-Bets mit Händen die durch ihre Playability enorm an Value gewinnen wie z.B. 87 suited eignet, neigen Hobbyspieler meist dazu „erst mal einen Flop zu sehen“.

 

Der Flop ist mit Flush- und etlichen Straight Draws selbst für das Set 8 gefährlich. Deshalb ist die Donk Bet eine gute Option, da es auf so einem Bord fast nie zu Stehlversuchen des Preflopraisers kommt und Dwan am Button weder einen Gutshot noch ein Paar folden wird. Den Lead kann man gut mit Händen wie QT oder 97 balancen, die zu schwach sind um Check-Call zu spielen und häufig in einen Bluff geturnt werden müssen.

Johns Call verrät wenig über die Stärke seiner Hand auch wenn ich von Sets und Two Pair ein Raise erwarten würde, da sie auf diesem Board sehr verletzlich sind.

 

Nach dem Fold von Tom Dwan kommt auf dem Turn die Pik Acht. Das Board scheint noch drawlastiger zu werden, aber der russische Geschäftsmann macht seinen Vierling. Auch wenn seine Motive für die Potsize Bet andere sind, verleitet sie Gegenspieler dazu zu denken, er will seine Hand vor der Flut an Draws schützen und die Hand an dieser Stelle beenden. Hinzu kommt, dass hohe Paare allein durch das Erscheinen der letzten Acht auf dem Turn aus kombinatorischer Sicht unwahrscheinlicher geworden sind. Mit der Zusatzüberlegung dass Two Pair und Sets den Flop häufig raisen, sind eigentlich nur noch Jx-Hände, die auf dem Turn auf fast jede Bet folden sowie gefloppte Flush Draws und die Straße in seiner vermeintlichen Range. Wenn es sich bei unserem Gegner um keinen Top-Spieler handelt, macht es hier nichts aus seine Handstärke preiszugeben, da er mit den genannten Händen eh immer bezahlen wird. Deshalb gefällt mir die Einsatzhöhe.

Der Amerikaner bezahlt und die Hände, die ich hier am meisten bei ihm erwarten würde sind neben 109 und Flushes noch AJ mit dem Pik Ass.

Auf dem River erscheint der Pik König. Ob man direkt anspielt oder check-raised um John valuebetten zu lassen (Er wird bei diesem Handverlauf niemals einen Bluff haben), hängt sehr von seinen Tendenzen ab (seine durchschnittlichen Einsatzhöhen, seine Fähigkeiten und Gewilltheit light zu valuebetten und zu herocallen). Doch die Overbet lässt vermuten, dass sich Smirnov bei seiner Entscheidung primär von seiner Handstärke verleiten lässt und darauf baut, dass John auch eher seine Handstärke spielt und weniger mit Handreading beschäftigt ist. Das wäre bei den beiden erfolgreichen Geschäftsleuten auch sehr gut vorstellbar.

Dass John nun aber All-In geht, lockt Mikhail doch aus der Reserve. Obwohl er nur von einem Straight Flush geschlagen wird. Und komischerweise ist das die einzige Hand, die ich bei John am wenigsten „discounten“ kann.

Wenn man davon ausgeht, dass er hier nie blufft, bleiben nur noch die Valuekombinationen. Angefangen mit T9ss, die er vielleicht mit Ausnahme von einem gelegentlichen Flopraise genauso spielen würde. JJ würde er oft vor und auf dem Flop erhöhen. KK würde er fast immer Preflop raisen und mit 77 und allen AsJx und geturnten Nutflushes würde er den River fast nie raisen. Doch obwohl es Argumente gibt, die gegen all diese Hände sprechen, zwingt einen die Masse der verschiedenen Handkombinationen die man schlägt gegenüber der einen, der man unterliegt zu einem Call. Selbst wenn diese Hände durch die gegebene Spielweise noch so unwahrscheinlich geworden sind, kann man sie nicht komplett ausschließen.

Meinung Bodo Sbrzesny

Bodo Sbrzesny (GER)
Bodo Sbrzesny (GER)

Als professioneller Spieler und Coach versuche ich alle Informationen zu berücksichtigen und Hände ganz genau zu analysieren. Antworten können je nach Informationsstand variieren. In dieser Hand würde die Angabe der Blinds nichts an meiner Meinung ändern, trotzdem sollte sie erwähnt werden. Ich gehe von 8k/16k und einem Raise in Höhe des zweifachen Big Blinds von Cash Game Spezialist Tom Dwan aus. Dementsprechend sind die effektiven Stacks mehr als 200 Big Blinds, was in frühen Phasen größerer Turniere häufig der Fall ist. Ich erinnere mich nicht nur an die Hand, sondern auch an viele Diskussionen darüber. Natürlich war es DAS Gesprächsthema an diesem Tag nicht nur im Rio, wo das Turnier stattgefunden hat, sondern auch an den Cash Game Tischen in ganz Las Vegas! Wir sehen hier einen sehr disziplinierten Fold, der meiner Meinung nach gut ist. Ich kenne die Spieler nicht persönlich und weiß nicht wie sie spielen, aber gehen wir die Situation mal durch. John callt als Big Blind am Flop und Turn die Donk Bets des Small Blinds. Er wird hier auf jeden Fall irgendetwas haben und nicht mit Luft callen. Sein Gegner setzt am River zum dritten Mal sehr groß, nachdem er am Flop sogar gegen zwei Spieler von vorne angespielt hat. Am Turn war es genau Potsize, am River sogar leicht darüber. Generell ist das ein Zeichen von großer Stärke, denn nicht viele Spieler sind in der Lage solche Bluffs auszupacken! Nun geht John am River allerdings auf diese Overbet All-In. Nach der vorherigen Action wird er in dieser Situation niemals bluffen! Er muss Mikhail aufgrund der Größe seiner Bets auf eine extrem starke Hand setzen. Mit welchen Händen kann er also am River noch for Value All-In gehen? KK und JJ discounte ich etwas, weil er gegen ein Button Raise und einen Call des Small Blinds nicht gesqueezed hat. Ansonsten gibt es keine andere Hand mit der er das machen würde. Somit drängt sich der Gedanke auf, dass er hier wirklich einen Straight Flush hat und ich bin jetzt schon gespannt auf die Fernsehbilder, wenn wir die Hand endlich entschlüsselt bekommen. Im Allgemeinen ist Poker unter Profis sehr kompliziert, es wird in verschiedenen Leveln gedacht und wenn hier die zweitbeste Hand nicht callen darf, dann könnte man sogar mit einem Nutblocker so einen Bluff auspacken. John könnte auch einfach eine Zehn oder Neun in Pik blocken und diesen Move machen… allerdings sieht man so etwas extrem selten! Ob ich Quads nach meiner Begründung folden würde kann ich leider nicht wirklich beantworten! Ich wäre mit einem klaren Kopf definitiv in der Lage dazu, vor allem in so einem soften Feld mit viel Edge (es waren viele Geschäftsleute dabei). Falls John seine Hand in einen Bluff geturned hat, dann gebührt ihm hierfür großer Respekt. Falls er wirklich den Straight Flush hatte und sein Gegner die zweitbestmögliche Hand foldet, dann hat er wohl das Minimum in der Hand gewonnen. Ganz besonders freut es mich, alle Facetten in diesem unglaublichen eine Million Dollar Turnier gesehen zu haben. Es war richtig gute Werbung für den Pokersport!

 

Autoren, Bodo Sbrzesny, Ismael Bojang

Bild Quelle: PokerNews, Neil Stoddart,PokerStars,WSOP.com, PartyPoker

 

 

 

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