Eine Hand – zwei Meinungen – Natalie Hof vs. Sebastian Pauli

„Poker nach Lehrbuch“ ist ein geflügeltes Wort. Wieso spielen Profis Hände dennoch so unterschiedlich? Um Einblick in die Denkweise des Profis zu bekommen, haben wir zwei Pros mit der gleichen Konstellation konfrontiert. Dass die verschiedenen Poker-Spieler die Hände zum Teil sehr unterschiedlich spielen, beweisen wir wieder einmal in unserer Rubrik „Eine Hand – zwei Meinungen“. Wir befragten mit Sebastian Pauli und Natalie Hof zwei bekannte Spieler der Poker-Szene.

Handanalyse der Pros

Eine Hand – zwei Meinungen

Handbeschreibung

Die folgende Hand spielte sich am Final Table des $100.000 PCA Bahamas Super Highroller Events 2014 ab. Zu diesem Zeitpunkt waren noch drei von ehemals 46 Spielern im Turnier.

Die Payouts waren wie folgt: Platz 1: $1.629.940, Platz 2: $1.178.980 und für Platz 3: $760.640.

Die Chipcounts vor dieser Hand:

Vanessa Selbst (USA) 7.010.000

Dan Shak (USA) 3.785.000

Fabian Quoss (GER) 3.200.000

Wir befanden uns im Level 22 bei Blinds von 60.000/120.000 und einer Ante von 20.000:

Fabian Quoss (Button) 7s 4s

Dan Shak (Big Blind) 7c 6d

Fabian eröffnete die Hand mit einem Raise vom Button auf 240.000. Vanessa foldete im Small Blind und Dan callte aus dem Big Blind.

Flop: 3s 4c 2d (Potsize 600.000)

Dan und Fabian checkten.

Turn: 8c (Potsize 600.000)

Dan bettete nun 250.000 und Fabian bezahlte.

River 7h (Potsize 1.250.000)

Dan setzte 325.000 und Fabian raiste auf 800.000. Daraufhin ging Dan für insgesamt 3.275.000 All-In.

Fabian foldete nach langem Überlegen.

 

Meinung Natalie Hof:

Natalie Hof (GER)
Natalie Hof (GER)

Fabian openraist hier 3-handed vom Button mit 74s. Seine effektive Stacksize ist 25 Big Blinds und er ist somit der Shortstack am Tisch. Das Openraise ist meiner Meinung nach standard und Fabian wird hier immer Raise/Fold spielen, denke ich. Er hat Position auf beide und selbst wenn einer der Blinds defended, ist die Hand in Position gut spielbar. Vanessa Selbst foldet nun ihren Small Blind und Dan Shak defendet seinen Big Blind mit 76o. Ich finde den Defend okay, aber ich glaube, dass ich an Dans Stelle hier eher 3-Bet/Fold gespielt hätte, da Fabians Opening Range sehr weit ist, er nur 25 Big Blinds hat und die 3-Bet nur sehr selten callen wird. Man muss einfach zu häufig am Flop check/folden und out of Position gegen einen sehr starken Spieler eine marginale Hand spielen. Mit einer 3-Bet/Fold übt man großen Druck auf Fabian aus und gewinnt meistens die Hand schon Preflop ohne in schwierige Postflop-Spots zu kommen.

Der Flop bringt nun 3s4c2d und Fabian entscheidet sich sein Top Pair behind zu checken. An Fabians Stelle würde ich den Flop immer for Value contibetten, da ich Dan hier keine Freecards geben will und ich bin der Meinung, dass er sicher mit vielen Ax-Kombinationen callt oder Overcards peelt. Aber vielleicht hätte er damit auch Preflop nicht nur defended, sondern gereraist. Das weiß Fabian höchstwahrscheinlich besser als ich. Ich denke, dass Fabian hier kein Check-Raise sehen und mit seinem Top Pair nicht broke gehen will. Also entscheidet er sich für Potcontrol für einen Check behind. Der Check behind lässt seine Range ziemlich offen und sein Top Pair gut versteckt.

Der Turn bringt nun eine 8c und Dan Shak entscheidet sich seinen geturnten Gutshot zu leaden. Er wird den Pot hier oft mitnehmen und kann viele Riverkarten weiter barreln, wenn sich das Board nicht pairt. Er kann hier einige One Pair Kombinationen oder Flushdraws reppen und gibt Fabian eine Ace oder King-high Kombo, die Showdown Value haben, jedoch nicht betten wollen und den Turn meistens behind checken würden. Fabian entscheidet sich die Donkbet zu callen. Raisen macht hier gar keinen Sinn, da man sehr oft noch die beste Hand hält und nicht will, dass Dan seine Bluffing Range foldet.

Der River bringt nun eine 7h. Eine sehr gute Karte für Dan. Er improved zum Middle Pair, das gegen Fabians Flop-Check behind/Turn-Call Range häufig die beste Hand ist. Ich denke, ich hätte mich hier für einen Check/Call entschieden, da der Flushdraw nicht angekommen ist und wir somit bluffcatchen können. Dan entscheidet sich jedoch for Value zu betten. Finde ich auch in Ordnung. Fabians Hand verbessert sich am River zu Two Pair und er raist nun, um mehr Value von schlechteren Händen zu bekommen. Womit er glaube ich nicht gerechnet hat ist, dass Dan sich jetzt plötzlich dafür entscheidet sein Middle Pair in einen Bluff zu turnen und All-In geht. Fabian tankt eine Ewigkeit und foldet dann. Ich denke Dan kann hier A5, 65 und 87 so spielen. Sets kann man komplett ausschließen, da er mit einem Pocket Pair wohl schon vor dem Flop All-In gegangen wäre. Ich denke auch nicht, dass Dan, bei den Stacksizes und dem Raise von Fabian, als Bluff All-In geht. Deshalb hätte ich, genauso wie Fabian, in dieser Situation gefoldet.

 

Meinung Sebastian Pauli:

Sebastian Pauli (GER)
Sebastian Pauli (GER)

Die Hand spielt sich in der Endphase des Final Tables vom PCA Super Highroller Event 2014 ab. Es wird schon seit längerer Zeit 3-handed gespielt. Vanessa Selbst hält den klaren Chiplead mit mehr als 50% aller sich im Spiel befindlichen Chips, während Fabian Quoss und Dan Shak ungefähr gleichauf liegen.

Fabian eröffnet die Action am Button mit 7s 4s und einem Minraise auf 240.000. Ein Openraise mit 7s 4s ist an dieser Stelle absoluter Standard, zumal mit Dan Shak ein eher schwächer einzuschätzender Spieler im BB sitzt und Vanessa Selbst bisher nicht durch übermäßige Aggression aufgefallen ist. Ein Minraise ist ebenfalls angebracht, da Fabian mit knapp 28BBs relativ short ist.

Vanessa foldet und Dan callt mit 7c 6d. Der Call ist aufgrund der weiten Opening Range von Fabian und der guten Odds nachvollziehbar.

Der Flop geht auf mit 3s 4c 2d. Dan hält einen Gutshot und zwei Overcards und checkt zu Fabian. Dieser floppt Top Pair mit einem Backdoorflush- und einem Backdoorstraightdraw und checkt hinterher.

Dans Check ist wiederum Standard, während es für Fabian schon etwas komplizierter ist. Ich halte eine Bet hier für die bessere Alternative. 372 rainbow ist einer der besten Flops für Fabians Hand. Durch ein Anspiel generiert er Value von vielen Ace high Kombinationen, die mit dem zusätzlichen Gutshot mindestens einmal callen sowie von einigen wenigen Händen, die eine 5 enthalten, wie z.b. 75, 85 suited (je nachdem wie stark Dan Shak seinen BB verteidigt).

Darüber hinaus dient eine Bet zum Schutz vor zahlreichen Overcards, die Shak halten könnte, aber auf eine Bet folden würde.

Fabian entscheidet sich dennoch für einen Check. Zum einen könnte er for Potcontrol checken, um nicht mit einem Check-Raise vom unkonventionell spielenden Dan Shak konfrontiert zu werden, was ihn in eine sehr unnangenehme Situation bringen würde.

Zum anderen unterrepräsentiert er damit seine Hand und könnte auf Bluffs seines Gegners auf Turn und River hoffen, was ich aufgrund der vielen Karten, die seine Hand gegenüber Shaks Range schwächen, für äußerst fraglich halte.

Am Turn kommt die 8c und Shak spielt 250.000 an, die Fabian bezahlt.

Ich denke, dass eine Bet hier gut ist, da Shak sehr viele Achten in seiner Range hat und er bei einem Call von Fabian mit einem Gutshot zu den Nuts und zwei möglichen Lifecards noch eine passable Equity besitzt. Fabian hat zwar durch seinen Check am Flop Schwäche gezeigt, trotzdem sehe ich ihn in dieser Situation selten bis nie auf nur eine Bet folden.

Alles andere als ein Call wäre aus Fabians Sicht absurd, da er für die gegebene Situation eine relativ starke Hand hält und ein Fold/Raise natürlich auch seinem Plan am Flop absolut widersprechen würde.

Am River kommt die 7h. Dan Shak macht nun mit 325.000 in den 1,1 Millionen Chips großen Pot eine sehr kleine Bet. Ich hätte ca. 150.000 mehr gesetzt, jedoch finde ich eine kleine Bet hier genau richtig. Quoss hält nicht viele Hände die eine 7 schlagen außer eventuell A8, A7 und slow gespielte Monster.

Quoss raist jetzt auf 800.000, was ich ebenfalls für ideal halte. Die kleine Bet von Shak deutet auf eine Hand hin, die nicht so stark ist. Man kann erwarten, dass mit einer sehr starken Hand wie z.B. 56 höher gebettet wird. Two Pair ist hier also meistens die beste Hand und es besteht eine sehr gute Chance, dass Shak mit einem Paar den Herocall macht.

Dan Shak pusht nun jedoch sofort All-In. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, was Shaks Intention bei diesem Move war.

Am selben Final Table gab es Stunden zuvor eine Situation, wo er am River gegen Vanessa Selbst mit Ace high gebettet und auf ihr Raise gesnapcallt hat und gut war. Deswegen kann ich mir hier sogar vorstellen, dass er for Value All-In geht. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass er seine Hand in einen Bluff verwandelt.

Beide Varianten erscheinen mir fragwürdig. Für mich würden nur Call und Fold in Betracht kommen. Ein Call ist hier meiner Meinung nach einem Raise vorzuziehen, da nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit besteht, dass Fabian eine stärkere Hand als 76 foldet.

Alle Paare wie A8 würde er wahrscheinlich nicht raisen und auch Two Pair Kombinationen kann man nahezu ausschließen, da er diese vor dem Flop nicht raisen würden (28, 27, 38, 37, etc.) oder den Flop anspielen würden (78 als Bluff und aus meiner Sicht auch 74 als Valuebet).

Somit kann Fabians Range, mit der er for Value raist, fast auf slowgespielte Sets und Straights reduziert werden. Dagegen erscheint ein Bluffraise somit äußerst optimistisch.

In diesem Fall hält Quoss jedoch nur Two Pair und entscheidet sich nach längerem Überlegen dafür zu folden.

Shak stellt Quoss hier vor eine sehr schwierige Entscheidung und auch mir fällt es schwer, mich in die Lage zu versetzen und eine ehrliche, unvoreingenommene Meinung abzugeben. Aufgrund der vorherigen Analyse spricht vieles dafür, dass 74 hier die beste Hand ist. Außerdem spricht die Geschwindigkeit, mit der Shak All-In annonciert ebenfalls für einen Bluff.

Auf der anderen Seite ist 74 hier so ziemlich die schwächste Hand, mit der Quoss for Value raist, was für einen Fold spricht. Des Weiteren sind solche immensen Riverbluffs im No-Limit Hold’em, so gut sie auch sein mögen, äußerst selten. In den meisten Fällen bekommt man in dieser Situation die Nuts gezeigt. Shaks Betsizing am River spricht zwar dagegen, dennoch hätte ich es wohl auch für wahrscheinlicher gehalten, dass er mit 56 oder A5 ungewöhnlich klein bettet, als dass er in diesem Spot blufft.

Aus diesem Grund entscheide ich mich genauso wie Fabian Quoss für einen Fold.

 

Bild Quelle: PokerStars, Neil Stoddart, Joe Giron, Tomas Stacha

2 Kommentare zu “Eine Hand – zwei Meinungen – Natalie Hof vs. Sebastian Pauli

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