Eine Hand zwei Meinungen – Manig Loeser vs. Lennart Holz!

„Poker nach Lehrbuch“ ist ein geflügeltes Wort. Wieso spielen Profis Hände dennoch so unterschiedlich? Um Einblick in die Denkweise des Profis zu bekommen, haben wir zwei Pros mit der gleichen Konstellation konfrontiert. Dass die verschiedenen Poker-Spieler die Hände zum Teil sehr unterschiedlich spielen, beweisen wir wieder einmal in unserer Rubrik „Eine Hand – zwei Meinungen“. Wir befragten mit Manig Loeser und Lennart Holz zwei bekannte Poker-Profis der deutschsprachigen Poker-Szene.

Handanalyse der Pros

Eine Hand – zwei Meinungen

Was bisher geschah:

Wir befinden uns am Final-Table der EPT Barcelona, es sind noch 6 Spieler im Turnier.

Die Payouts für die letzten 6 Akteure:

*€825.000 *€525.000 * €300.000 *€222.000 *€170.000 *€130.000

Chipverteilung:

Konstantin Puchkov (Russland) 4.640.000 (Dritter in Chips)

Giuseppe Pantaleo (Deutschland) 2.510.000 (Fünfter in Chips)

Blinds 50.000/100.000 Ante 10.000

Es wird bis Giuseppe am Button gefoldet, er eröffnet den Pot mit einem Raise auf 210.000. Nur Konstantin callt aus dem Big-Blind.

Der Flop kommt mit 3d Qd Ts runter.

Konstantin checkt, Giuseppe bettet 250.000, die wieder von Konstantin bezahlt werden.

Turn 2c

Dieses Mal checken beide.

River 4c

Nun spielt Konstantin von vorne 760.000 und Giuseppe überlegt lange. Callt aber schließlich.

Konstantin zeigt Ac 5h für die Runner Runner Straight.

Giuseppe zeigt Ah 7h für Ass hoch.

 

Meinung Manig Loeser (GER)

Manig Loeser (GER)
Manig Loeser (GER)

Giuseppe eröffnet den Pot mit einem Raise auf den 2,1-fachen Big-Blind vom Button mit Ah 7h, soweit absoluter Standard. Der Call von Konstantin hingegen gefällt mir nicht. Natürlich hat er mit Ac 5h ab und zu die bessere Hand, da Giuseppe auch schlechtere Hände als A 7 erhöhen würde, aber es ist für Konstantin sehr schwer die Hand nach dem Flop ohne Position gut zu spielen. Giuseppe hat nur etwa 25 Big-Blinds, das heißt an Konstantins Stelle, würde ich ihn mit vielen Händen All-In raisen oder 3-betten mit der Intention, einen Shove zu callen, A5o folde ich aber meistens.

Der Flop ist 3d Qd Ts und Giuseppe contibetted etwa die Hälfte des Pots, nachdem Konstantin zu ihm gechecked hat. Man kann sicherlich auch für einen Checkbehind argumentieren, da er gewisse Showdown Value hat, aber die Contibet ist absolut ok. Konstantin called wieder, was sehr verwunderlich ist. Es gibt quasi keine gute Turnkarte für ihn außer ein Ass, und selbst wenn er das trifft, ist er manchmal hinten. Sein Plan war möglicherweise entweder den Turn oder River zu bluffen, was sich aber als schwierig erweisen könnte, wenn nicht ein Draw ankommt, den er glaubhaft repräsentieren kann.

Der Turn ist die 2c, eine komplette Blank, die nichts an der Boardstruktur verändert. Konstantin und Giuseppe checken. Ich würde an Giuseppes Stelle oft eine weitere Bet machen, um marginale Hände, wie Ace High / King High, zum Folden zu bringen. Aber der Check ist in Ordnung, auch weil er Gefahr läuft, von einer Drawing Hand gecheckraised zu werden und die bessere Hand zu folden.

Am River kommt die 4c und Konstantin feuert auf einmal 760k, etwa ¾ des Pots. Diese Bet finde ich extrem gut. Die 4 hat nicht viel verändert, es ist kein Karo und somit ist kein Flush möglich, auch keine 8, 9, J, K, oder A, die einen Straight Draw am Flop komplettiert hätten. Normalerweise ist es sehr schwer, an Giuseppes Stelle mit nur Ace High zu callen. Ich gehe aber davon aus, dass Konstantin mit Qx kleiner valuebetten würde und eine extrem starke Hand wie QT oder sogar 33 am Flop checkraisen würde, um ein All-In von Giuseppe zu induzieren. QQ und TT sowie jedes andere starke Pocket Pair kann man ausschließen, weil er das wohl immer 3-betten würde. In diesen Situationen ist es gut, wenn man den Gegner schon längere Zeit beobachtet hat und etwas über seine Betsequenzen / Körpersprache in Erfahrung gebracht hat, diese Beobachtungen können meine Entscheidung sehr stark beeinflussen. Mit den hier gegebenen Informationen calle ich aber auch, lasse mir die Runner Runner Straight zeigen und den Spott der Fernsehzuschauer wegen dieses „schlechten“ Calls über mich ergehen. Konstantin hatte zwar mehr Glück als Verstand, um sowohl Turn als auch River perfekt zu treffen, am River hat er aber die Situation sehr gut ausgenutzt. Giuseppe hat die Hand meiner Meinung nach gut gespielt, aber leider ein wenig Pech gehabt.

 

Meinung Lennart Holz (GER)

Blinds: 50.000/100.000   Ante: 10.000

Giuseppe Pantaleo: 2.510.000

Konstantin Puchkov: 4.640.000

Giuseppe startet die Hand am Button mit exakt 25 Big-Blinds.

Lennart Holz (GER)
Lennart Holz (GER)

Alle Spieler folden zu ihm und er raised auf 2,1BB (2-2,5 BB openraise sind Standard in dieser Phase eines Turniers), was genau der Größe des bisherigen Pots entspricht.

Giuseppes Opening-Range ist hier relativ weit, ca. 30-45%, je nach der vorangegangenen Spieldynamik, dem sogenannten Gameflow, und der Handhistory.

Außerdem ist es abhängig von der Aggressivität der Blinds, also deren 3-betting-Frequenz, die wiederum von der Stacksize abhängt und von Gegner zu Gegner unterschiedlich ist.

Standardmäßig und ohne spezielle Reads auf den Gegner würde ich Konstantin Puchkov eine ungefähre Blindverteidigungsrange von 30% geben, 22% verteidigt er davon passiv, also called nur, und ca. 8% (z.B.77-AA, A10s+AJo+) verteidigt er aktiv, sprich er reraised, um den Pot von 4,2BB direkt zu gewinnen oder einen 4-bet shove zu induzieren, um diesen dann zu callen.

Dementsprechend wird Puchkov etwa 70% seiner bekommenen Starthände folden, wodurch ein Raise mit A7s auf jeden Fall einen positiven Erwartungswert haben sollte.

Puchkov called im Big-Blind mit Ac5d, wodurch der Pot am Flop 530.000 Chips beträgt.

Am Flop erscheint die Dame in Karo, die 3 in Karo und die Pik 10.

Gegen die 20% callingrange, die ich Puchkov vor dem Flop gegeben habe (das Slowplay mit Monsterhänden ausgeschlossen), haben wir ziemlich genau 33% Equity, sprich sind 2:1 Underdog. Dementsprechend ein eher bescheidener Flop für Giuseppe.

Das Board bringt dem Gegner viele mögliche Kombinationen mit Toppairs, Middlepairs und guten bis mittelguten Draws (Flushdraw, OESD, Gutshot mit Overcard…). Andererseits können beispielsweise Pocketpaare von 22-66, sowie Ax Hände (ohne A in Karo) schlecht out of position weiterspielen, obwohl sie noch häufig genug vorne sein könnten.

Giuseppe continuationbettet 250k, was knapp die Hälfte der Potsize entspricht. Diese Betsize ist relativ Standard, wobei man hier auch noch kleiner betten könnte, da man in diesem Fall keine Made-Hand oder ähnliches protecten braucht bzw. mehr Value von Draws bekommen möchte. Außerdem machen viele Gegner hier keinen Unterschied zwischen einer kleinen Cbet und einer großen, da gute Draws oder Middle-/Toppairs eh mindestens einmal bezahlen und die Flopbet callen. Alternativ kann man hier besipielsweise 170.000 betten, knapp ein Drittel vom Pot, da wie gesagt viele marginale bis schwache Hände eher fit or fold spielen werden und sich somit die „bluffratio“ verbessert. Diese Betsize kann außerdem von Vorteil auf späteren Streets sein (falls man sich entscheidet weiter zu bluffen), da Giuseppe bei einer halben Potsizebet und Call am Turn mehr Chips für eine moderate Riverbet von ca. 3/4 Pot dahinter hat (1.500.000 in einen 2.000.000 Pot), um somit schwache Queens und Tens zum Folden zu bringen. Diese Entscheidung ist allerdings sehr gegnerabhängig (ist der villain fähig zu Herocalls? Foldet viel oder ist ne Callingstation? Handhistory?…) Wichtig ist, dass man diese Line der kleinen Continuation Bet gut gebalanced hat, also der Gegner nicht weiß, ob wir mit diesem Setzverhalten immer nur klein bluffen oder ihn mit sehr starken Made-Hands in der Hand behalten wollen.

Puchkov called schließlich die Continuation Bet mit Ass hoch ohne Position. Je nachdem wie er die preflop Raising-Range kombiniert mit der Cbet frequency von Giuseppe eingeschätzt hat, sieht er sich wohl meistens vorne (ein float ist out of position unwahrscheinlich) oder drawed auf seine 3 Ass-Outs und seine beiden backdoor straightdraws.

Am Turn ist der Pot 1.030.000 groß und es kommt eine absolute Blank.

Puchkov checkt wieder und Giuseppe entscheidet sich aufgrund dessen Flopcalls und der Tatsache, dass sich seine Hand nicht weiter verbessert hat, zu einem check behind. Dies kann er von außen betrachtet sowohl mit seinen Bluffs, die er jetzt entweder aufgeben oder erst am River nochmals betten möchte, als auch mit seinen mittelstarken Händen spielen, welche er zur Potkontrolle und der eventuellen Gefahr eines Check-Raises vom Gegner hinterher checkt. Außerdem kann er sich mit vielen Draws eine Freecard nehmen, wenn er sich mit einem nochmaligen Semibluff am Turn nicht genügend Fold Equity gibt.

Am River erscheint die 4 in Kreuz, wieder eine absolute Blank (außer in diesem einen Fall natürlich nicht…).

Puchkov trifft seinen runner runner gutshot und spielt, nachdem Turn check behind von Giuseppe, eine Bet von 760.000, welche etwa 3/4 des Gesamtpots entspricht. Giuseppe hat zu dem Zeitpunkt eine Stacksize von genau 2.050.000 Chips, die genau 20 Big-Blinds entspricht. Die Riverbet würde ihn knapp 8 BB kosten, was sein zukünftiges Spiel nach der Hand maßgeblich entscheidet, denn mit übrigbleibenden 12 BB würde er nur noch im sogenannten „push-and-fold-Modus“ agieren können, welches kein normales Postflopspiel mehr ermöglicht. Dies ist ein Grund, weswegen ich ohne weitere Reads auf den Gegner, erstmal zu einem Fold tendieren würde.

Klar blanken Turn und River, und die doch eher große Riverbet nach zwei Checks am Turn polarisieren die Hand des Gegners tendenziell eher zu einer sehr starken Hand oder einem nicht angekommenen Draw (eine 10 würde standardmäßig versuchen von schlechteren Händen Value zu bekommen und daher kleiner betten), doch muss man bei den Stacksizes in Erwägung ziehen, dass Gegner gegen einen 20-25 BB Stack und einer weiten opening range vom Button ihre draws häufig aggressiv spielen und ihre Chips am Flop reinbekommen möchten, da sie sich genügend Fold Equity ausrechnen. Dies würde, gerade wegen der angesprochenen eher polarisierten Riverbet, viele busted Draws unwahrscheinlicher und daher seine Value-Range größer machen. Um am River profitabel callen zu können, muss Giuseppe hier in etwa 40% der Fälle die Hand beim Showdown gewinnen, was er meiner Meinung nach, aus eben genannten Gründen nicht tut.

Ohne spezielle Reads auf den Gegner ist die Entscheidung allerdings schwer zu beurteilen und der Call von Giuseppe zeigt, dass er diese wohl ausreichend gehabt hat. Der Turn und River bringt zwei ungünstige, vermeintlich unsignifikante Karten, welche die Gewinnerhand sehr undurchsichtig erscheinen lässt und Giuseppe verliert die Hälfte seiner Chips.         That´s Poker…

Autoren: Manig Loeser, Lennart Holz

Bild Quelle: PokerNews, Joe Giron, Jamie Thomson

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