Phil Iveys Masterclass: Lohnen sich die 100 Euro?

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Ende Mai wurde auf Masterclass.com ein Pokerkurs von Phil Ivey veröffentlicht. Wir haben uns den Kurs angeschaut und erklären, ob sich der Kurs lohnt oder nicht.

Nachdem letztes Jahr bereits Daniel Negreanu einen Masterclass-Kurs anbot, folgte nun Phil Ivey. Der erfolgreichste Pokerspieler aller Zeiten erklärt in drei Stunden Videomaterial seinen Spielansatz und gibt Tipps zum erfolgreichen Pokerspiel.

Was sind Masterclasses?

Masterclass.com ist eine amerikanische Online-Bildungsplattform. Dort kann man auf Kurse und Video-Vorlesungen zugreifen, die von Experten aus verschiedenen Bereichen erstellt wurden. Die Seite wurde von David Rogier und Aaron Rasmussen konzipiert. Derzeit gibt es auf der Seite Angebote für etwas über 60 verschiedene Themen und jeder Kurs verfügt über mehrere Video-Lektionen, Übungen, Arbeitsbücher und Interviews mit dem Trainer.

Themen sind unter anderem Filmmachen (von Werner Herzog), elektronische Musik (deadmau5), Kochen (Gordon Ramsay), Gesang (Christina Aguilera) oder Schauspiel (Samuel L. Jackson). Dazu gibt es nun zwei Kurse zum Thema Poker, einen von Phil Ivey und einen von Daniel Negreanu.

Die Kurse und sämtliche Materialen sind allesamt ausschließlich auf Englisch und Masterclass.com kostet 200 Euro pro Jahr. Dafür kann man auf sämtliche Kurse zugreifen. Alternativ kann man einen einzelnen Kurs für 100 Euro erwerben.

Was unterrichtet Phil Ivey?

Phil Iveys Masterclass besteht aus 11 Lektionen, wobei die erste und letzte eher als Einführung und Abschluss denn als richtige Lektionen angesehen werden können.

Dies sind die Themen, die in Iveys Masterclass unterrichtet werden:

1: Phil’s Journey

Dieses kurze Video erklärt, wer Phil Ivey ist, wie er mit dem Spiel anfing und warum er diese Masterclass anbietet.

2: Preflop and Blind Defense

Ive erklärt die Bedeutung von Position am Tisch, erklärt, warum Hand-Range-Tabellen Unsinn sind und gibt Tipps, wie man seine Blinds verteidigt.

3: Betting Tactics

Hier erklärt Ivey, wie man das Maximum aus seinen Einsätzen rausholt, wie Taktiken wie Overbets und 3-Bets funktionieren und er zeigt anhand alter von ihm gespielter Hände praktische Beispiele dieser Taktiken.

4: Bluffing

Ebenfalls anhand einiger Beispiele aus Iveys Karriere erklärt Phil, wie man einen Bluff durchzieht und auf welche Feinheiten man dabei achten muss.

5: Postflop, Part 1

Ivey gibt einen Einblick in eine Reihe von verschiedenen Postflop-Situationen. Floats, Slow-Play und Draws sind zentraler Bestandteil dieser Lektion.

6: Postflop, Part 2

Hier erklärt Ivey, wann man in einer Hand einen Gang zurückschalten sollte, zeigt Beispiele von überspielten Händen und gibt Hinweise zum Spiel auf dem River.

7: Deepstack Play

Anhand von zwei Händen erklärt Ivey hier Implied Odds und zeigt, wie man kleine Paare und Suited Connectors spielen sollte, wenn man mit sehr großen Stacks spielt.

8: The Mental Game

Anhand eines einzelnen Beispiels erklärt Ivey seinen gedanklichen Prozess während einer Hand. Ferner wird erklärt, wie man mit Verlusten umgehen soll und wie man Tilt vermeiden kann.

9: Table Image and Tells

Hier erklärt Ivey, wie er von Gegnern Informationen sammelt und wie man sein eigenes Image am Tisch beeinflussen und ausnutzen kann.

10: Strategies for Success

In der letzten Lektion erklärt Ivey, wie er sein Spiel verbessert hat, wie er trainiert und welche Strategien für seinen Erfolg wichtig waren.

11: Closing

In diesem kurzen Video reflektiert Ivey über seine 25 Jahre Erfahrung am Pokertisch.

Die einzelnen Lektionen enthalten Videos, die zwischen 9 und 28 Minuten lang sind (Einführung und Abschluss sind unter 4 Minuten lang). Dazu gibt es zu jeder Lektion ein kurzes PDF, das die vorgestellten Konzepte zusammenfasst. Insgesamt umfasst die Masterclass Videomaterial in einer Länge von ziemlich genau drei Stunden und insgesamt 37 Seiten schriftliches Material.

Lohnt sich Phil Iveys Masterclass?

Das Urteil für Phil Iveys Masterclass ist einfach: Will man einen Pokerkurs, bekommt man für einen Preis von 100 Euro zu wenig geboten, erfährt zu wenig neues und lernt nichts über Poker, das man nicht auf anderen Kanälen besser oder günstiger lernen könnte.

Die drei Stunden Videomaterial enthalten nur wenige konkrete Tipps, die man auf das Spiel anwenden kann. Phil Ivey ist ohne Frage ein brillanter Spieler, doch er ist nicht unbedingt der beste Lehrer. Ivey ist vor allem deswegen so brillant, weil er extrem gut darin ist, Personen und Situationen zu lesen und zu manipulieren. Dies kann er nur bedingt in den Videokursen vermitteln.

Ferner sind sämtlich Beispiele, anhand derer Ivey die Konzepte vermittelt, inzwischen ziemlich alt und ein guter Teil der von ihm vorgestellten Ideen sind in die Jahre gekommen und nur noch bedingt aktuell und anwendbar. Phil Iveys Masterclass ist auf dem Niveau von Poker im Jahr 2009 und kommt damit zehn Jahre zu spät, um bahnbrechend oder überhaupt relevant zu sein.

Phil Iveys Masterclass richtet sich entsprechend in erster Linie an Spieler, die zwar schon ein wenig Erfahrung im Spiel haben, aber noch nicht zahlreiche Pokerbücher studiert haben. Das gesamte Material ist ausschließlich auf No-Limit-Hold’em und Live-Poker ausgerichtet. Tipps für Online-Poker oder andere Varianten gibt es nicht, obwohl Ivey den Großteil seiner Erfolge Online und mit Omaha und Triple-Draw gemacht hat.

Zu wenig Inhalt – oder der falsche Inhalt?

Spieler, die einen guten Pokerkurs suchen, sind besser beraten, ein paar Bücher von Ed Miller zu kaufen. Diese vermitteln mehr Material und sind dichter am Puls der Zeit als Iveys Kurs. Auch Online-Video-Coaching-Seiten wie raiseyouredge.com oder runitonce.com bieten für einen geringeren Preis besseres Einsteigermaterial.

Dennoch sind die Kurse von Phil Ivey unterhaltsam und insgesamt gut gemacht. Man bekommt einen Einblick in die Denkweise von Phil Ivey und erlebt ihn drei Stunden hautnah. Wer schon seit Jahren Pokerfan (und Ivey-Fan) ist, wird an den Videos auf jeden Fall seine Freude haben. So erklärt Ivey unter anderem endlich, was er sich bei seinem phänomenalen Bluff gegen Paul Jackson vor über zehn Jahren dachte:

 

Betrachtet man den Kurs weniger als einen reinen Pokerkurs und mehr als seine Mischung aus Unterhaltung und Lektionen, ist das Geld für Masterclass.com am Ende nicht so schlecht angelegt, insbesondere wenn man ein paar von den anderen Kursen auch nutzt.