So lief der große Berliner Pokerraub wirklich ab! (Video inside)

tatsache - EPT Berlin 2010 Grand Hyatt - Deutschlands unglaublicher Pokerraub

Es ist Samstagnachmittag, der 6. März 2010 um genau zu sein, und ich drehe mit Kamera und Notizblock im Anschlag meine Runden durch die Turnierräume im Grand Hyatt am Potsdamer Platz, wo gerade das Main Event der EPT Berlin stattfindet. Ich schaue mir die Turnieraction an, 4 von mir gebrandete Spieler sind kurz vor dem Sprung an den Finaltisch. Ab und zu stoppe ich und schieße aus der Hüfte ein paar Bilder. Hier ein PokerStars Pro, da ein aufstrebender deutscher Turnierspieler, dazwischen Gelegenheitszocker und auch die ein oder andere Größe aus der Berliner Unterwelt – ich knipse sie alle. Warum gerade die nicht als Pokerpros bekannten Lokalgrößen genau darauf achten, wann ich und von wem Fotos mache, wird sich für mich erst kurz darauf aufklären.

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Ich schaue bei der von Jan Heitmann gecoachten Charlotte Roche am Tisch vorbei, ihr Sitznachbar schaut mich komisch an. Dann treffe ich Johannes Straßmann, der mit mehreren €10.000-Bündeln schnell noch das Buy-In für das EPT High Roller Event für sich und auch für ein paar Kollegen an der provisorisch eingerichteten Kasse zahlen möchte. Während er weiter Richtung Lobby geht, wo zwei befreundete Turnierverantwortliche die Anmeldeformalitäten regeln, schaue ich an den Feature Tables vorbei. Thomas und Marina Kremser haben das Turnier im Griff, Carsten Joh ist am TV-Tisch einer der Chipleader und ein Freund von mir, Luca Cainelli, schiebt gerade all seine Chips mit Pocket Jacks all-in und wird vom Chipleader Ilari Tahkokallo mit einer dominierten Hand gecallt. Luca braucht als Shorty unbedingt das Double-Up. Der Flop sieht clean aus, der Turn auch und er ist nur noch die Rivercard vom Double-Up entfernt, was bei den aktuellen Payjumps schnell €10k Unterschied machen kann. Die dritte Burn Card wird gegeben und dann…

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…bricht das Chaos über uns alle herein. Der Raum erzittert, Tische werden umgeworfen, Menschen kreischen, trampeln, springen über und unter die Tische. Das TV-Set wird umgerissen, neben einem befreundeten deutschen Braceletgewinner schlägt nur Zentimeter entfernt ein 3m großes Rig ein. Ich werde quasi vor den TV Kameras mit in Richtung Notausgang gerissen, dabei versuche ich zu ergründen was gerade passiert. Ich sehe, dass meine Freundin den Weg zum Notausgang gefunden hat, sehe auch dass eine Reporterkollegin unter den in Massenpanik trampelnden Menschen liegt. Wir schaffen es mit vereinten Kräften sie vom Boden hoch zu zerren und wieder auf die Beine zu bringen. Ich drehe mich noch einmal um, sehe dass bis auf einen russischen Spieler, der „I’m in a hand“ ruft und einen Kollegen an der Kamera alle dabei sind das Turnierareal zu verlassen. Da ich genau sehen kann, wie mein Kollege statt zu fliehen weiterhin stoisch aus der Turniersaal-Tür in die Lobby filmt, gehe ich nicht davon aus, dass hier unmittelbar Bedrohliches für uns passiert. Ich versuche meine Freundin in dem Gerenne wiederzufinden, was auch gelingt, und verlasse mit ihr durch den Hintereingang das Grand Hyatt.

Von diesem Moment an steht mein Handy nicht mehr still, Freunde und Kollegen melden sich bei mir, weil sie im Livestream (gab es damals noch kein Delay?) über die Kameras gesehen haben was mit den Spielern und auch mir passiert ist. Nachdem sich die besorgten Anrufe gelegt haben, wird immer klarer was passiert ist. 4 vermummte Männer mit Schreckschusspistolen und Macheten haben kurz bevor die Anmeldung zum €10k High Roller geschlossen wurde das Signal bekommen einen nicht sehr kreativen aber effektiven Überfall auf die Kasse zu starten. Einer von ihnen wurde vom gebuchten Berliner Sicherheitspersonal gefasst und erst freigelassen, als die anderen drei mit einer Machete bewaffnet wieder zurück ins Grand Hyatt kamen.

Jetzt melden sich immer mehr Kollegen aus den Medien und der Pokerindustrie. Während die BILD-Zeitung gerne meine Fotos, auch die unmittelbar vor dem Überfall geschossenen, haben möchte, teilt mir eine Angestellte des Veranstalters mit, dass sie lieber möchte, dass gar nichts publiziert wird – zumindest nicht bevor sie selbst einen Deal mit RTL einfädeln könne. Das alles ist für mich erst einmal nebensächlich. Letztendlich war meiner Freundin nichts passiert, und auch das umgestürzte TV-Rig hat niemand verletzt, die Pistolen waren nur Schreckschusspistolen, Johannes, der während des Überfalls die €10k-Bündel auf den Tische an der Kasse gelegt hatte, konnte sie quasi vor den Augen der vier Pokerräuber direkt wieder zurück in die Tasche stecken und sogar Lucas Rivercard wurde noch erfolgreich gedealt, nachdem sich sein Gegner (danke, Ilari) dazu entschieden hatte, die Entscheidung des Floormans zu overrulen und die Karte aus dem dann neugemischetn Deck geben zu lassen.

Somit waren alle eigentlich mit dem Schrecken, bzw. der Berliner Wachmann mit einem blauen Auge, davongekommen – und die Veranstalter mit einem Exklusivbericht in den RTL News. – Nur die Täter nicht so richtig: Zunächst ließen sie einen großen Teil der Beute bei ihrer gestörten Flucht fallen und außerdem hatte das Wachpersonal von Michael Kuhr direkt eine Idee, um wen es sich bei den vier Gangstern handeln könne.

Wer sich diese Geschichte nicht (nur) aus meiner Sicht ansehen möchte, kann das jetzt auch im „tatsache“-Video tun, das auf dem zugehörigen YouTube-Kanal veröffentlicht wurde. Das Format, das zu funk, dem Netzwerk von ARD und ZDF gehört, hat den Vorfall, der die Pokerwelt erschütterte, noch neinmal aufgearbeitet und auch nachgespielt. Das Video ist also mehr also eine bloße Doku und in jedem Fall sehenswert.

tatsache YouTube - funk ARD ZDF