

Zurück zum Turnier, ich sitze da vor richtig Chips und ein junger Mann, den ich noch nie vorher gesehen habe, spielt die erste Hand seines Lebens gegen mich. Ich raise ganz brav meine Könige. Der Flop kommt J 7 2 in allen verfügbaren Farben des Regenbogens. Wie das ältere Herrschaften so tun, spiele ich brav den Pot an und bekomme vom jungen Mann ein massives all-in zu hören. Selbstverständlich habe ich einen Moment überlegt. Spiele ich gegen ein Set und wenn ja, wo schaue ich mir den Klitschko-Kampf an? Gleich im Casino oder fahre ich nach Hause oder sonst wohin? Dieser ganze Prozess des Nachdenkens war allerdings in weniger als einer halben Sekunden beendet. „Bezahlt!“ Ich öffne meine Könige, mein Gegner zeigt 10 6 ohne jeden Flushdraw. Es bleibt auch bei Zehn hoch. Turn und River helfen nicht. Der Handschlag wird verweigert, stattdessen bekomme ich eine jammernde Suade über meine mangelnden Fähigkeiten des „foldens“ zu hören. Logisch, wenn ein apfelessender Dümmling all-in spielt muss der alte Mann seine Könige am besten gleich unter den Tisch werfen, weil fold alleine nicht reicht. Während der Dealer die Karten für das nächste Spiel austeilt, reicht es beim stehenden Exturnierspieler dann doch für einen Moment der Selbstkritik. Die Augen nach oben gedreht, die Arme zum Casinohimmel geöffnet folgt ein: „Selber schuld, es stimmt einfach. Never bluff a monkey“. – Mit dem Affen war wohl ich gemeint und es gab Zeiten, da habe ich mich aus viel nichtigeren Anlässen ordentlich daneben benommen. Nur da hatte ich nicht so viele Chips und für Boxen gibt es ja RTL in High Definition und das sollte dann schon reichen für den Abend. Wenn er schon meinen Handschlag nicht wollte, gab es immerhin noch einen Ratschlag von mir auf den weiteren Lebensweg. „Mein Junge, immer nur Poker spielen in Lokalen mit Security. Besser ist es.“ Dann musste ich schon aufhören mit den guten Tipps, weil ich dann bald ein Paar Neuner hatte und…… STOP! Ich muss jetzt abbrechen, weil am Ende gibt mir der Tassilo keinen Job, obwohl ich als Chip-Runner sicher eine Verstärkung wäre.

Während ich mir sonst praktisch im anderen Leben gar nichts merke, funktioniert mein Casinogedächtnis ausgezeichnet. Aus meiner Zeit im CCC erinnere ich mich sogar noch an das Meeting mit Thomas Kremser und Thomas Lamatsch, in dem wir damals (2000) quasi das Gegenteil beschlossen haben als gültige Regel. Anlass war ein Meister des Angle-Shootings, der besonders das strategische Vorchecken in Perfektion beherrschte. – Kein Grund zu jammern aus heutiger Sicht. Alles ändert sich, alles ist in Bewegung. Regeln und Recht sind nicht in Stein gemeißelt. Manches verbessert sich, manches wird den Realitäten angepasst und manches ist einfach anders als früher und keiner weiß so recht warum. Man muss die Regeln kennen und man sollte sich auch tunlichst mit den aktuellen Rechtsauffassungen des Hauses anfreunden. Kleine spitze Bemerkungen allerdings sollten doch erlaubt sein. – Mir sollte es erlaubt sein zu bemerken, dass das Paar Neuner meine Schicksalshand sein sollte. Aus und vorbei der Traum. Der Turn brachte den Untergang und meinem Gegner einen Monsterpot. Wir haben uns freundlich die Hand gegeben und ich bin dann schnell weg. Den apfelessenden Dümmling suchen, der mich einen Affen geschimpft hatte. Gefunden habe ich ihn weder im Spielsaal, noch draußen am Parkplatz. Wahrscheinlich ein Glück. Vor zehn Jahren hätte ich auch noch gewusst für wen.
Götz Schrage










